Rock in Blech

DEEP SHADE OF BLUE

Schon allein die Vorstellung: Das riesige Marqueezelt ist gerammelt voll. Die Fans deiner angesagten, brillianten Sixties-Coverband freuen sich auf einen spannenden, fetzigen Nostalgie-Abend. Die wissen genau: Mit Melodien der Beatles & Beach Boys, den Mod-Monstern The Who und Small Faces, The Kinks oder den Walker Brothers werden sie vorzüglich bedient - zum Tanzen und Träumen.

Du hast am Schlagzeug mit deinem Bassisten den Soundcheck hinter dir. Der Rhythmus, der "engine room", steht elastisch, dabei felsenfest. Aber wo bleiben die anderen? Gitarrist, Keyboarder, Sänger, die Frontline? Du gehst backstage, und dir bleibt fast das Herz stehen: das Rampensau-Trio ist sternhagelvoll! Das war´s. Du willst nicht mehr. Willst der Musik ab heute den Rücken kehren.

Da tippt dir der Leiter des regionalen Bläserchores auf die Schulter. Die haben den Nachmittag gestaltet. "Hey, Mann, schöne Scheiße, aber meine Jungs sind auch komplett Sixties-Fans. Die haben ihren Plattenschrank voll mit all dem, was ich auf Eurer Setliste gesehen habe!"

Du bist von den Socken? "Was, dann kennt ihr? The Sun Ain´t Gonna Shine Anymore? Tin Soldier? God Only Knows? Und dann dämmert es dir: "Bei aller Liebe - wolltest du etwa andeuten, dass man so was mit Posaunen und Trompeten spielen kann?"

"Und wie", sagt der Trombone-Tripper. "Nur zum Singen haben wir keinen Mund frei. Aber bei so viel neuer Klangfarbe fehlt nix! Und wenn du uns den Keith Moon machst, geben wir alles zwischen Vaudeville und Avantgarde!"

Darf man so was? denkst du. Die Bonzo Dog Doo Dah Band spielt Heiligtümer aus Swinging London und Dope-Smoking L.A.? Dann wieder - die Kinks haben doch immer Blech im Beat gehabt, von "Sunny Afternoon" bis zu den "Muswell Hillbillies". Dennoch, die Skepsis bleibt: "Fühlen sich die Sixties-Fans da nicht gefoppt? Gelinkt? Hoch genommen?“"

"Nur bei der ersten Nummer", grinst der Blow-Jobber. Habt ihr vielleicht Noten? Ach was, die Sheet Music zieht unser Trompeter kurzerhand aus dem Netz. Übrigens: die Menge tobt, wir sollten in zehn Minuten da draußen sein."

Du zitterst. Du schüttelst den Kopf. Dein Bassist haut sich vor die Stirn, schreit Dich an, heult. Plötzlich sagst du ja, und ....der Abend läuft wie geschmiert. Die alte Rhythm Section und das beseelte Blech, Ihr seid heute noch zusammen. DEEP SHADE OF BLUE. Und jetzt gibt es die erste Studioscheibe. Irgendwie anders. Irgendwie schräg. Aber irgendwie klasse.

Uli Twelker